Ein spezielles Gruppen-Training soll Eltern mit hyperkinetischen Kindern helfen
Der Weg hinaus aus dem
Teufelskreis
WRZBURG
Ein bayernweit einmaliges Gruppen-Trainingsprogramm fr Eltern von Kindern mit Aufmerksamkeitsstrungen und Hyperaktivitt hat das Team um den Wrzburger Kinder- und Jugendpsychiater Dr. Klaus-Ulrich Oehler erarbeitet.
VON INGRID WEIGERT
Julian war schon immer ein schwieriges Kind. Im Kindergarten konnte er nie ruhig sitzen bleiben, war impulsiv, aggressiv und hat fter Spielzeuge von anderen Kindern kaputt gemacht Deshalb wurde Julian auch nicht zu Kindergeburtstagen eingeladen, und niemand wollte mit ihm spielen. In der Schule hatte Julian dann Aufmerksamkeitsprobleme und strte den Unterricht Seine Hausaufgaben erledigte er nur lckenhaft, seine Mutter musste ihn stndig ermahnen, antreiben und mit ihm diskutieren. Das fhrte fast tglich zu Streit und Trnen. Schlechte Beurteilungen, Rgen von der Lehrerin und Ausgrenzung durch seine Mitschler waren die Folge.
Fr seine Eltern und Geschwister wurde Julian zunehmen zur Belastung. ,,Gute" Ratschlge zur Kindererziehung von Lehrern, Nachbarn, Oma oder Freunden sowie der stndige Vorwurf ,,Ihr knnt ja nicht mal Euer Kind richtig erziehen" brachten das Familiensystem zunehmend unter Druck Die Folge war, dass Julians Eltern mit dem chaotischen Verhalten ihres Kindes nicht mehr zurecht kamen und sich mehr und mehr abkapselten. Eine typische Krankengeschichte fr ein Kind, das unter hyperkinetischen Strungen, also Aktivitt- und Aufmerksamkeitsstrungen, leidet.
,,Hyperaktivitt ist medizinisch gesehen eine desorganisierte, mangelhaft regulierte und berschieende motorische Aktivitt, verbunden mit exzessiver Ruhelosigkeit", erklrt der Wrzburger Kinder- und Jugendpsychiater Dr. Klaus-Ulrich Oehler. Die Krankheit uert sich zum einen in Unruhe, aber auch in einer vertrumten Form, von der hauptschlich Mdchen betroffen sind. Diese Variante wird meist erst in der Schule erkannt, wenn die Kinder im Unterricht vor sich hin trumen, nicht zuhren und sich die Leistungen verschlechtern. Am Anfang der Behandlung steht eine drei- bis sechsmonatige Puzzle-Arbeit, bei der zuerst aus rztlicher Sicht anderweitige Erkrankungen ausgeschlossen werden. Gesprche mit Eltern, Lehrer und anderen Bezugspersonen des Kindes, Fragebgen, Auswertung von Zeugnissen sowie aufwendige Intelligenz-, Konzentrations- und Aufmerksamkeitstest beleuchten die Schwere der hyperkinetischen Erkrankung. Danach wird ber eine medikamentse Be- handlung entschieden. ,,Schon das richtige Medikament kann bei den Kindern die biologische Ausgangsbasis fr den Umgang mit der Krankheit wesentlich verbessern", erzhlt Claudia Oehler.
Vor vier Jahren entwickelte Dr. Klaus-Ulrich Oehler zusammen mit den Psychologen Claudia Oehler und Dr. Armin Born ein gruppentherapeutisches Konzept fr die Eltern, mit dem hyperaktiven Kindern langfristig geholfen werden kann. Das Konzept wurde mit dem Therapie-Preis der Christian-Moik-Stiftung (Aachen), der bundesweit vergeben wird, ausgezeichnet.
In einem halbjhrigen Intensivtraining versucht das Psychologen-Team, das Verhalten der Eltern dem Kind gegenber positiv zu gestalten. ,,Hyperaktive Kinder befinden sich in einem Teufelskreis", so Armin Born. ,,Ihr unruhiges und teilweise chaotisches Verhalten verndert das Verhalten ihrer Umwelt Tadel statt Lob, Drohungen und Strafen fr aggressives Verhalten produzieren bei den Kindern immer mehr Aggressivitt und Unruhe". Deshalb steht am Anfang des Elterntrainings eine Verbesserung der Beziehung zwischen Eltern und Kind. Eine Phantasiereise in die Erlebenswelt ihres Kindes hilft Eltern, sich besser in die Psyche ihres Kindes hineinzuversetzen. ,,Die meisten Eltern verndern ihre Einstellung schon, wenn sie sich bewusst machen, wieviel negative Rckmeldungen ihr Kind am Tag erfhrt", erzhlt Claudia Oehler. Sie sollen nach all den Schwierigkeiten, die positiven Seiten ihres Kindes wieder neu entdecken".
Schritt fr Schritt lernen die Eltern dann, in Konfliktsituationen anders mit ihrem Kind umzugehen. Sie analysieren in intensiver Kleinarbeit das Verhalten des Kindes und ihre eigenen Reaktionen darauf. Mittels ausfhrlicher Protokollbgen fr Eltern werden Verhaltensmuster eingegrenzt und Lsungen in der Gruppe gesucht Oft knnen Eltern Konfliktsituationen einfach vermeiden", beschreibt Claudia Oehler die systematische Verhaltensanalyse, ,,indem sie fr die Kinder ganz klare machbare Rituale und extrem konstante Regeln vorgeben und diese dann konsequent durchhalten".
Im letzten Drittel des Elterntrainings werden den Eltern dann Strategien und Techniken der Informationsverarbeitung und des effektiven Lernens sowie der Motivationsfrderung vermittelt. In jeder der 14tgigen Gruppensitzungen bekommen die Eltern Informationen, Literatur und ,,Hausaufgaben" fr das Einben der Verhaltensweisen. Nach dem Elterntraining ist ein Fundament fr die Eltern gelegt", so Armin Born, ,,das ihnen ermglicht, mit der Krankheit ihrer Kinder umzugehen."
Fr Julian und seine Eltern hat sich die Situation nach dem Elterntraining deutlich entspannt Ich kann Julian heute sehr viel besser verstehen und stehe viel selbstbewusster hinter ihm", erzhlt Julians Mutter. ,,Hausaufgaben erledigt er besser und in krzerer Zeit als vorher. Wir streiten und diskutieren auch nicht mehr. Vor allem wei ich jetzt, dass nicht meine Erziehung sein aggressives Verhalten hervorgerufen hat In der Gruppe habe ich erlebt dass wir nicht allein mit unserem Problem sind".
(Dieser Artikel wurde der MAIN-POST vom 25. August 1999 entnommen).